VADEMECUM zum Tetrahydrocannabinol (4. Teil)

Autor: VSHF

Laborerzeugte d9-THC-Gehalte


Im Jahre 1995 änderte man, ausgehend vom Bundesamt für Gesundheitswesen (BAG; Lehmann, Brenneisen) die bisher angewendete Messmethode: Nicht nur das wie bisher effektiv im Untersuchungsgut enthaltene d-9-THC (immer minus 0,3%) wurde vom Institut für Rechtsmedizin (IRM), Bern und vom Institut de médecine légale (IML), Lausanne protokolliert, sondern man addierte von nun an die inaktiven Säuren anderer Cannabinoide, was dazu führte, dass der zuhanden der Straf- und anderer Behörden rapportierte Wirkstoffgehalt in die Höhe schoss.


Vorgehen


Das Hanfkraut wird in ein Lösungsmittel (z.B. Methanol/Chloroform 9:1) eingetaucht, mit Petrolether nachgewaschen, in einem Reaktionsgefäss unter Stickstoff getrocknet und dann während 15 Minuten auf 210 Grad erhitzt, was eine Decarboxylation (Auflösung der Carbonsäuren und Abspaltung von CO2) bewirkt und grosse Mengen von verschiedensten THC-Molekülen, wie z.B. delta-9-THC, entstehen lässt. Mit diesem Vorgehen erhöht man um das Vierzigfache – z.B. von 0,08% auf satte 3 % – das ansonst nur in Minimalstmengen natürlich vorhandene delta-9-THC (1: IRM-Bern, 2000) [mit der Destillation steigt der natürliche C2H5OH-Gehalt der Traube (minus 0,1%) ebenfalls um das Vielfache: Das Destillationserzeugnis enthält über 45 % C2H5OH].


Es kann demnach nicht, ohne der wissenschaftlichen Wahrheit zu widersprechen, behauptet werden, dass der mittels Pyrolyse entstandene Stoff ein Inhaltsstoff des Hanfkrauts sei [das aus Traubenzucker durch Fermentation/ Destillation entstandene C2H5OH ist kein Inhaltsstoff der Traube]. Die so rapportierten Gehalte – wohlgemerkt als ‚THC-Gesamt’ betitelt, nicht als delta-9-THC sind Schreibtischgehalte, weil sie nicht tel quel im Hanfkraut selber vorgefunden wurden, sondern erst durch Labormanipulationen entstanden sind: Man vergleiche in dieser Hinsicht die bei identischem Untersuchungsmaterial (einheimisches Hanfkraut sativa) errechneten Wirkstoffgehalte von 1994 (2) und 2000 (1).


Die vom IRM-Bern und vom IML-Lausanne praktizierten Messmethoden führen somit zu künstlichen, realitätsfremden Resultaten: Bis 20 % THC-Gehalte werden im indischen Hanfkraut gefunden’, wogegen in den strengen USA der bisher errechnete Höchstgehalt 4% nicht übersteigt (3). Dem ungeachtet und trotz den immer wiederholten Kritiken der Rechtsunterworfenen wird von in der Materie nicht bewanderten Richtern die IRM/IML-Messmethode, gleich dem 0,3 %-Grenzwert, als axiomatische Wahrheit betrachtet und wie Gottes Wort nicht in Frage gestellt: “Das Gericht ist nicht befugt, die von einem Universitätsinstitut [IML-Lausanne; Red.] angewendeten wissenschaftlichen Verfahren, um diese Werte auszurechnen, zu beanstanden” (sic) (4). Fazit: Das verfassungsmässige Primat der strafrechtlichen Beurteilung und Schuldzuweisung gehört nicht mehr dem Richter, sondern einem Laboranten.


 


THC-Grenzwerte


Sogenannte ‘THC-Werte‘, Rechtsgelehrten sowie Laien bisher unbekannt, erschienen erstmals in verschiedenen Weisungen der Bundesämter für Polizeiwesen (BAP), Landwirtschaft (BLW) und Gesundheit (BAG). Alle später erfolgten THC-verbundenen Gerichtsurteile gründen darauf, obwohl Weisungen von Bundesämtern strafrechtlich nicht verbindlich sind: “Weisungen stellen grundsätzlich betrachtet Meinungsäusserungen der Verwaltung über die Auslegung der anwendbaren Gesetzesbestimmungen dar und sollen eine einheitliche Verwaltungspraxis schaffen. Die strafrechtliche Qualifikation muss an einem anderen Ort diskutiert werden” (5:Bundesgericht).


Kann diese Qualifikation, sprich Betäubungsmittelqualifikation, mit dem Lebensmittegesetz (LMG) erbracht werden? Nein, denn das LMG gilt “nicht für Stoffe, die schon von der Heilmittelgesetzgebung erfasst werden(6: LMG). Weil nun das THC von der BAG-Verordnung, Teil der Heilmittelgesetzgebung, schon erfasst ist, bleibt für die Anwendung des LMG in Sachen THC von Gesetzes wegen kein Spielraum offen.


Einzig massgebend in Sache Hanfkraut ist und bleibt das eidgenössische Betäubungsmittelgesetz: „Bundesgesetze sind für das Bundesgericht massgebend” (7: Bundesgericht, 1994).







 


Fussnoten


1.
Zwei Untersuchungen von einheimischem Hanfkraut (sativa, non-indica)
Resultat: 2 % & 3 % d-9-THC
Analysenrapport Institut für Rechtsmedizin, Bern (IRM) vom 11.2.2000 ( IRM-Nr.00-639-B) Werner Bernhard, Abteilungsleiter


2.
Sieben Untersuchungen von einheimischem Hanfkraut (sativa, non-indica)
Resultat: 0,06 % – 0,06 %- 0,06 % – 0,52 % – 0,08 % – 0,08 % – 0,05 %  d-9-THC
Analysenrapport Institut für Rechtsmedizin, Bern (IRM) vom 27.9. & 4.10.1994 (IRM-Nr. 5151 & 5234) Werner Bernhard, Abteilungsleiter


3.
Durchschnittsgehalt an THC (1980-1995): „Marijuana Facts, a review of the scientific evidence“, L. Zimmer, J. Morgan, ISBN O-9641568-4-9


4.
Il n’appartient pas au Tribunal d’accusation de s’écarter des taux de THC constatés par un institut universitaire [IML-Lausanne, Red.]“
Tribunal d’accusation, 19.12.2001,  Juges: Jomini, Tâche, Creux.
Nota bene : Die gleiche Richterschaft hatte in einem vorgängigen Urteil eine Kollektivklage gegen das IML-Lausanne (Mangin, Giroud) wegen falscher Gutachten abgewiesen.


5.
Bundesgerichtsentscheid vom 31.1.1997, ASA 66 97/98, S. 316 ff


6.
Kapitel: Zweck, Geltungsbereich und Begriffe
Art. 1 Zweck
Dieses Gesetz bezweckt: a. die Konsumenten vor Lebensmitteln und Gebrauchsgegenständen zu schützen, welche die Gesundheit gefährden können.
Art. 2 Geltungsbereich
Das Gesetz gilt nicht: a. für Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände, die für den Eigengebrauch bestimmt sind; vorbehalten bleibt das Absinthverbot; b. für Stoffe und Erzeugnisse, die von der Heilmittelgesetzgebung erfasst werden.


7.
Bundesgerichtsentscheid (BGE) vom 25.4.1994 (6S 167/1994)
Richter: Müller, Schubarth, Wiprächtiger